Lynn Chadwick im leeren Lehmbruck Museum

Eindrücke eines Studenten

Sonntag. Etwas regnerisch. Wir haben Corona. Guter Tag für Museumsgänger.

Lehmbruck Museum war eine spontane Entscheidung. Der Eintritt war dank CampusFM gratis – sonst €5 für Studenten – dafür nahm ich am Schluss etwas aus dem Museumsshop mit: Hornemann Bildband, im Angebot. Schön.

Ich begann meinen Weg, von Unten nach Oben. Im Keller: Künstler der Brücke, Expressionismus des frühen 20. Jahrhundert. Nicht ganz mein Fall, aber einige eindrucksvolle Werke. Viele nackte Frauen in paradiesischen Landschaften. Interessant waren die unterschiedlichen Stile der Künstler. Meist minimalistisch, manche Striche sehr zart, während andere sehr selbstbewusst, energisch, mit dunklen, dicken Farben gezeichnet sind. Ob ein Künstler wohl so selbstbewusst ist wie die Striche die er zeichnet?

Mein Lieblingswerk im Untergeschoss ist ein Bildband indigener Köpfe. Hat was von Sammelkarten. Tauschst du den Inkakönig gegen Indianerhäuptling?

Eine Treppe hoch, vorbei an Skulpturen aus Stein und Metall, nahm ich mir den Saal rechts des Eingangs vor. Hier stehen plastische Werke verschiedener Künstler. Es geht viel um das Thema Raum. Kreise, Labyrinthe, Plexiglas und Fäden, Metall und Holz. Eine wirklich schöne Zusammenstellung unterschiedlicher Formen. In Erinnerung ist mir eine metallene Skulptur geblieben, bei der ich mich fragte wie der Künstler es bloß geschafft hat das Metall so zu verbiegen? Sieht einfach unrealistisch aus.

Etwas versteckt im oberen Bereich stehen sehr bekannte Werke: Dantes Kopf von Dalí, welcher mit goldenen Löffeln verziert ist und „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ (1945) von Max Ernst, welches Antonius zeigt, an dem mehreren fantastische Dämonen zerren. Habe ich schon mal irgendwo gesehen. Auch interessant finde ich „Das Geschenk“ (1958) von Man Ray, ein Bügeleisen mit Nägeln auf der Unterseite. Es ist wirklich nutzlos, also ein perfektes Geschenk. Sagt es uns etwas über gesellschaftliche Konventionen? Die Rolle der Frau? Interessanter finde ich die Frage, ob wohl je ein Kleidungsstück damit gebügelt wurde?

Im unteren Teil des Saals verweilte ich einige Zeit vor einer Installation aus sich langsam drehenden Metallstäben. Hat etwas von Schilf, welches sich langsam im Wind bewegt. Sehr beruhigend. Weiter ging es mit einem Werk von Tinguley, welches freundlicherweise von einer Mitarbeiterin eingeschaltet wurde. Kunst kann sich bewegen. Affe dreht sich im Kreis. Wow.

Durch einen Gang, vorbei an der Tafel der Unterstützer und Finanziers (lohnt sich immer um zu sehen wo das Geld in der Region sitzt – Kohle, Stahl, Rüstungsg-ähh ich meine Nachhaltigkeit, zukunftsorientierte Arbeitsplätze und Stiftergeist), gelangte ich zum zweiten großen Trakt des Museums. Hier sind die wechselnden Ausstellungen… ausgestellt. Bis zum 20. September sind dies „Die Biester der Zeit“ von Lynn Chadwick und gewebte Fantasien von Jirí Tichy. Chadwicks Biester haben es mir wirklich angetan. Chadwick war eigentlich Architekt, seine Statuen sind also gleichzeitig architektonische und künstlerische Meisterleistungen. Tatsächlich kann ich nicht genau sagen was ich so toll an ihnen finde. Die vielen Hundefiguren haben eine schöne Körperhaltung – bereit zum Angriff. Die fehlenden Köpfe geben ihnen eine unwirkliche, düstere Stimmung. Als wären sie Kanonen. Kein Gehirn. Auch die Vögel wirken trotz des schweren Material sehr dynamisch. Gleichzeitig wirken viele „Biester“ gar nicht biestig. Die dreibeinigen Wesen, welche mich an die Aliens aus dem Film „War of the Worlds“ (2005, mit Tom Crusie) erinnern, wirken beispielsweise sehr freundlich. Die Menschenfiguren mit den glatten Köpfen haben dagegen etwas verlorenes. Sie sind statisch, wollen sich nicht bewegen, können nichts sehen, hören, riechen. Die Aufmerksamkeit der Betrachter wird auf die glatten Gesichter gelenkt, obwohl diese wohl die uninteressantesten Teile der Figuren sind. Kurz vor dem Eingang zu der dunklen Halle stehen einige weitere Werke von Chadwick. Was als Mondsonden beschrieben wird sieht heute stark nach Viruszellen aus. Vielleicht war das Thema Weltraum und Spacetravel einfach präsenter in den 60ern und 70ern. Vielleicht spielt Chadwick aber auch auf den virusartigen Charakter der menschlichen Zivilisation an.

Mondsonden oder Viruszellen?
Bild: Dejan Saric

Im nächsten Teil des Museums sind hauptsächlich die gewebten Fantasien ausgestellt. Riesige Stoffe aus schönen Farbkombinationen zieren die Wände. Mir persönlich gefällt es nicht besonders, aber es ist definitiv außergewöhnlich. Eine Beschreibung macht auf die Wiederbelebung von sticken und häkeln als Methode in der Streetart aufmerksam. Zwischen drin stehen auch einige von Chadwicks Werken, welche große, farbige Glaßstücke halten. Die Metallkonstruktionen erfüllen hier, im Gegensatz zu den anderen Konstrukten, einen Zweck: Das halten der eigentlichen Kunst, der gläsernen Bruchstücke.

Im Erdgeschoss stehen einige schöne, interessante aber auch groteske Werke. Wirklich schaurig finde ich den Sarg mit den mumifizierten Kadavern zweier Katzenbabys. Ihre Mäuler sind im Todesschmerz verzogen. Vor dem Sarg steht ein einzelner Stuhl. Ich verstehe nicht. Muss ich aber auch nicht. Will ich auch nicht.

Geoffrey Hendricks malte gerne Wolken

Schöner ist der Wolkenpinsel von Geoffrey Hendricks, mit dem er in Wolkenanzug den VW Käfer mit Wolken bemalte. In meiner Vorstellung malt der Pinsel automatisch Wolken. Der Künstler kann also gar nicht anders als Wolken malen.

Lange rätselte ich über das Schaukelpferd.

Als letztes besuchte ich den Lehmbruck-Trakt, welcher von Lehmbrucks Sohn, Manfred Lehmbruck, entworfen wurde. Allein die Architektur dieses Teils des Museums lohnt einen Besuch. Die harten Kanten und halbrunden Wände im Wechselspiel aus Beton, Glas und Stahl geben dem riesigen Raum eine besondere, beinah andächtige Atmosphäre. Der ansonsten kühle Raum wird durch das mittig angelegte Atrium mit Licht durchflutet. Im Atrium stand Lehmbrucks Skulptur „Der emporsteigende Jüngling“ (1913). Die leicht verformten Gliedmaßen des Jünglings warfen einen Schatten auf den Beton, während die Bronze durch den Nieselregen glänzte. Über was er wohl nachdenkt? Oder diskutiert er, ohne eine Gesprächspartnerin zu haben?

Neben dem Jüngling entdeckte ich die Skulptur „Der Gestürzte“ (1915/1916), ein ebenso verformter Körper, welcher, gestützt auf Knien und Ellenbogen, in Richtung seiner Beine blickt. Er wirkte auf mich weniger gestürzt, als interessiert diese andersartige Perspektive einnehmend. Sein Genital baumelt durch den umgedrehten Kopf von oben in sein Sichtfeld. Interessant. Eine Pose, welche jede(r) Künstlerin einmal einnehmen sollte, dachte ich mir.

Nachdem ich den Raum ca. 30min auf mich wirken ließ, wobei ich nur kurz durch einen einzigen anderen Besucher gestört wurde, machte sich ein schweres, trauriges Gefühl bemerkbar. Die Skulpturen wirkten deprimiert in ihrer Nachdenklichkeit. Die Köpfe fast vor dem zerbersten durch die Last ihrer Gedanken. Eine Last welche auch die schönen, weiblichen Körper im Raum nicht nehmen können. Kein Wunder, dachte ich. Was soll ein depressiver Künstler schon schaffen, außer depressive Kunst? Sogar der Security-Guard wirkte traurig. Er muss den ganzen Tag mit diesen Skulpturen verbringen. Wie er das wohl aushält? Schreckliche Vorstellung. Wenn ich so genau darüber nachdenke, bin ich mir nicht mal sicher ob es an diesem Tag nieselte, vielleicht macht es auf mich nur den Eindruck aufgrund der depressiven Lehmbruck-Stimmung. Egal. Künstlerische Freiheit. Nichts wie raus hier.

Jemand dreht sich eine Sportzigarette im Innenhof

Auf dem Weg zum Innenhof entfaltete sich mir ein ganz reales Drama: Jemand hatte vermutlich eine Frau geschlagen und lief schnellen Schrittes quer über die Wiese im Kantpark. Eine Frau folgte dem Mann. „Du Wichser“ und „Lass dich nie wider blicken,“ schrie sie abwechselnd, während sie eine Glasflasche schwang. Der Frau folgte ein Polizeiwagen in Schritttempo, welcher wiederum von einer Gruppe schaulustiger, maskierter Jugendlicher gefolgt wurde. Ob nun diese Szene, oder das Museum interessanter waren an diesem Tag, weiß ich nicht mehr. Der Innenhof ist auf jeden Fall auch sehenswert.

Weitere Infos gibt es hier: https://lehmbruckmuseum.de/de/

Bis 20. September – Chadwick und Tichy

Bis 02. August – Künstler der Brücke